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Hybride Konflikte

Ingrid Zurkinden

Faszinierend, wie Harry Potter sich gegen das Böse, dessen Name nicht ausgesprochen werden darf, zur Wehr setzte, erstaunlich, wie mutig Hänsel und Gretel den Kampf gegen die böse Hexe aufgenommen haben und packend, wie James Bond in jeder Neuerscheinung das Böse besiegt. Allen gemeinsam ist die Fiktion der polarisierenden Sichtweise von Gut und Böse. Wenn die Welt doch nur so eindeutig wäre!

Werfen wir doch einen Blick in die Realität und bedienen uns des Vokabulars der modernen Kriegsstrategen. Sie sind sich einig, dass heute «hybride Konfliktformen» in den Vordergrund treten. Damit wird gemeint, dass immer häufiger das Ziel verfolgt wird, ohne offenen Einsatz militärischer Mittel durch eine indirekte oder versteckte Konfliktführung den angegriffenen Staat oder die angegriffene Gesellschaft zu destabilisieren und ihre Handlungsfreiheit möglichst zu beeinträchtigen.


Dieses Phänomen kann problemlos auch auf das innerbetriebliche Geschehen zwischenmenschlicher Beziehungen transferiert werden. Parallelen zeigen sich anschaulich am Beispiel der Zunahme von (Cyber-)mobbing bei Erwachsenen. Es ist gekennzeichnet durch hinterhältige Demütigungen, Beschimpfungen und Bedrohungen. Dazu gehört ebenso die Verbreitung von falschen Tatsachen, Isolation oder übertriebene Kritik mit dem Effekt der Destabilisierung des Systems.


Um hybriden Konflikten entgegenzutreten, müssen wir gezwungenermassen von der archetypischen Einteilung von Gut und Böse Abschied nehmen und an dessen Stelle weitsichtiges Konfliktmanagement einsetzen. Denn Konflikte sind nicht einfach da, sie gehören mal laut zischend, dann wieder eisig kalt zu unserem Alltag. Sie sind nicht per se gut oder böse, sondern befinden sich im Spannungsfeld dazwischen.


Prof. Dr. Pascal Hector, Honorarprofessor am Europäischen Institut rät bei hybrider Kriegsführung, «das Ziel einer gestaffelten völkerrechtlichen Reaktion muss es sein, Lösungen noch im Rahmen des Friedensvölkerrechts zu finden und so den Eintritt eines bewaffneten Konflikts zu verhindern.»


Übertragen auf hybride Konflikte in Unternehmungen bedeutet das, dass vorausschauendes Konfliktmanagement wahrscheinlich manche Krisenintervention zu verhindern mag, wenn zwischenmenschlichen Interaktionen offen begegnet wird und insbesondere der Prävention mehr Bedeutung geschenkt wird.